Veranstaltung des Thomas-Morus-Bildungswerks

Bildungstag in Rostock nährt sich kritisch dem Christsein

»Derzeit ist so etwas wie ein Rückzug christlicher Stimmen ins kirchliche Kuscheleck und ein verbreitetes Misstrauen gegen die Vernunft in Glaubensdingen zu beobachten«, meint Prof. Dr. Dr. Klaus Müller, der an der Universität in Münster Professor für Philosophische Grundfragen der Theologie ist. Am vergangenen Samstag war er Gast auf dem Bildungstag des Thomas-Morus-Bildungswerkes in Rostock.

 

Gut 100 Zuhörer fanden sich im Gemeindezentrum der Christuskirche ein, um sich an diesem Tag in vier Schritten den Grundaussagen des christlichen Glaubens zu nähren. »Glauben, Fragen, Denken. Wie wir diesen heutigen Bildungstag unter dieses Thema gestellt haben, erreichten mich viele Rückmeldungen von Menschen, die sagten, so ein Thema schreckt ab«, sagt Germar Schwarz vom Morus-Bildungswerk. Die Grundlagen des Glaubens, so die Wahrnehmung des Bildungsreferenten, werden zusehends dünn. Daher sei es immer wieder notwendig, sich zu den Quellen zurückführen zu lassen.

»Man badet gerne lau in der niveauvollen Seelenstimmung, die sich einstellt, wenn man von den Kanzeln hört, was man ohnehin schon immer denkt – und hält das dann auch noch für Spiritualität«, kritisierte Prof. Müller in seinen Einführungen den heutigen Zustand in vielen Gemeinden. Dass es auch so etwas wie eine »Andacht des Denkens« gibt, die darin bestünde, den Fragen nicht auszuweichen, die sich an den Grenzen der Vernunft stellen, sei heute oftmals vergessen. In mehreren Teilschritten lud der Philosophieprofessor an diesem Tag seine Zuhörer dazu ein, das »Glaubensbekenntnis zu durchmessen«.

Gott ist Verläßlichkeit

Im ersten Schritt beschäftigte sich Müller mit der Aussage »Vater, Schöpfer – und allmächtig auch noch?«. In unserer heutigen Zeit, die zunehmend bestrebt sei, sich zu genderisieren, ist die Bezeichnung Gottes als Vater schon eine große Provokation. Erwartet nicht gerade die Political Correctness geradezu von uns Christen, dass wir im Bezug auf Gott die männliche und weibliche Anrede verwenden? »Alles was ist, ist in Gott«, so die Antwort von Prof. Müller.

 

Dreh- und Angelpunkt allen Redens von Gott sei für Christen Jesus von Nazaret. Er, der gläubige Jude, hat ganz im Einklang mit dem Glauben seines Volkes Gott »lieber Vater« genannt. Nicht, um uns Gott als alten Herrn mit langem Bart vor Augen zu malen, sondern um im Gleichnis auszudrücken, wie Gott ist: Einer, der schützt und behütet, der verteidigt und Sorge trägt – von unbedingter Verlässlichkeit.

 

Eine zweite große Frage in diesem Zusammenhang sei auch die »Allmächtigkeit Gottes«. Diese Frage wird immer wieder dann aktuell, wenn man auf das Leid der Welt schaue und keine Antwort auf die Frage nach dem warum, finden könne. Eine Frage, die oft so schwer im Raum steht und auch viele Christen an ihrem eigenen Glauben verzweifeln lässt. Prof. Müller bezog sich in seinem Versuch einer Beantwortung dieser Frage auf die den Philosophen Immanuel Kant, der sich zeitlebens um die Beantwortung genau dieser Frage bemühte. »Die Schuld für das Böse treffe den Menschen, nicht jedoch Gott. Gott habe das Böse nur zugelassen, nicht aber gebilligt oder gewollt«, so die Erkenntnis Kants. Für Prof. Müller besteht daher die größte Macht Gottes darin, diese Macht nicht zu brauchen und auf den »freien Willen des Menschen« zu setzen.

 

Der daraus folgende Schritt auf dem Weg zu den Glaubensquellen, war an diesem Tag die Frage nach Schuld und Vergebung. Der Fundamentaltheologe aus Münster machte in seiner Einführung dazu deutlich, dass allen Unkenrufen zum Trotz, die Schuldfrage nach wie vor eine evidente Frage auf der Welt sei. Das Angebot der Umkehr und der Versöhnung, das uns Christen durch Gott gemacht wird, darf nach Ansicht Müllers nicht als Forderung angesehen werden, sondern muss als eine Bitte Gottes begriffen werden. In der Frage der Versöhnung, sei Gott der Handelnde. Dass die Schuldfrage, auch immer eine Chance der Vergebung sei, das sei eine wichtige Quelle des christlichen Glaubens.

Bedienung der  »Uraltklischees einer Vulgaraufklärung«

Detailliert und kenntnisreich setzte sich Müller mit der in den letzten Jahren zunehmend aus den USA übergeschwappte Welle des sogenannten »Neuen Atheismus« auseinander. Den Hauptpropagandisten dieses Phänomens Richard Dawkins, Daniel C. Dennett und Christopher Hitchens, die auch in Deutschland Bestseller platzieren konnten, stellte der Professor eine vernichtendes Urteil aus. »Das Problem einer Auseinandersetzung mit den meisten dieser Veröffentlichungen ist das Niveau: Gerade die Prominenten unter den genannten bedienen sich derart ungeniert der Uraltklischees einer Vulgaraufklärung, dass sich eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht lohnt, ja im Grund mangels intellektueller Masse gar nicht möglich ist – eine Diagnose, die im Übrigen völlig unverdächtige, weil der Theologie fernstehende Beobachter teilen.«, so  Klaus Müller.

 

Allerdings, so die Lageeinschätzung Müllers, sei das »dürftige Niveau« kein Grund für die Theologie, sich zurückzulehnen. Diese habe »ihre Hausaufgaben bis heute noch nicht gemacht«. So ignoriere sie nach wie vor viele Anfragen an den Glauben und bemühe sich wenig um Beantwortung wichtiger Fragen. »Die systematische Theologie die bereits seit Kant und dem Idealismus unüberhörbar gewordenen kritischen Fragen an den klassischen Theismus bis heute weitgehend ignoriert und deswegen vom neuen Atheismus unschwer in Sachen Gottesbild auf das Niveau eines Grundschulkatechismus festgenagelt werden kann, ist in einen Dornrösschenschlaf verfallen«, meint Prof Müller. Die Theologie müsse aus ihrem »Dornrösschenschlaf« erwachen. Dann brauche man auch keine Angst vor dem neuen Atheismus haben.

 

Es waren viele Fragen, die Prof. Klaus Müller an diesem Bildungstag anschnitt und auch beantwortete. Die sich anschließenden Diskussionen zeigten, dass er an diesem Tag auf ein interessiertes Publikum getroffen ist. Der Tag in Rostock konnte aber nur eine Einladung sein, sich immer und immer wieder mit seinem Glauben zu beschäftigen. Nur die Auseinandersetzung führt am Ende dazu, dass Glauben nicht zu einem Folklorismus wird. Eine Möglichkeit seinen Blick zu schärfen und Gewohntes auch einmal anders zu hören, war es allemal.

 

Dieser Artikel ist in der Neuen Kirchenzeitung veröffentlicht worden.

 

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