Ein Blick zurück: Die Argumente kenne ich gut

Ich kann mich noch gut an die Rede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche  erinnern.  Stehend applaudierten hier die Anwesenden, als Walser von Auschwitz als einer »Moralkeule« spracht. Das war im Jahr 1998. Ich empfand diese Worte Walsers damals als eine vermeintliche Befreiung. Endlich sprach jemand das aus, was viele Menschen in Deutschland dachten. Schließlich müssten wir uns ja nicht alles gefallen lassen. Kritik an Israel – das könne doch endlich erlaubt sein.

Wenige Jahre später war es dann der Hau-Drauf der FDP,  Jürgen Möllemann, dem meine Sympathie galt. Mich interessierte damals weniger, was er sagte. Vielmehr war es die Form des Umgangs mit ihm, die mich wütend machte. Ein wahrer Orkan von Ablehnung brach über ihn herein. Ich habe, das merke ich immer wieder, eine Vorliebe für »Outlaws«. Nicht immer  gleich mit den Wölfen zu heulen, kann einerseits eine angenehme Eigenschaft sein. Andererseits bedeutet das auch, ständig unter Beschuss zu stehen. Das ist nicht immer angenehm.

Mancher wird sich an dieser Stelle an Günter Grass sein »Was gesagt werden muss« erinnern, was im vergangenen Jahr Furore machte. Ich empfand es damals nicht als notwendig, was Grass da »gealtert und mit letzter Tinte« von sich gab. Im Gegenteil: Ich empfand damals, dass Grass es in seinem veröffentlichten Gedicht an moralischer Integrität und Aufrichtigkeit fehlen ließ. Mir erschienen die Aussagen dort einfach zu kaltschnäuzig.

Diese damaligen Empfindungen, teilte ich – das kommt bei mir selten genug vor – mit der Mehrzahl der Menschen in unserem Land. Ich sagte es aber nicht aus Opportunismus heraus, sondern weil ich fest davon überzeugt war.

Ich hatte damals, kurz vor der Veröffentlichung des Grass-Gedichts, einen Vortrag des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden, Stephan Krämer, in Schwerin besucht. Ich begann mich damals mit der Lage der Juden in Israel auseinanderzusetzen. Plötzlich war alles nicht mehr so schwarz-weiss.

Plötzlich befinde ich mich aber schon wieder in der Minderheit. Deutschland hat nun seit einigen Wochen wieder eine »Antisemitismusdebatte«. Jakob Augstein, Journalist und Herausgeber der Zeitschrift »der Freitag« ist in der antisemitischen Top-Ten-Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums gelandet. Im Gegensatz zu ähnlichen Debatten in den letzten Jahren, verlief die Debatte diesmal aber anders als sonst. Die Reihen fest geschlossen, so schien das Motto diesmal zu sein. »Kritik an Israel müsse doch schließlich erlaubt sein«, so die fast durchgängige Argumentation.

Natürlich muss Kritik an allen Dingen erlaubt sein. Nichts ist schlimmer, als vemeindliche oder tatsächliche Denkverbote. Israel darf in diesem Zusammenhang auch nicht in Watte gepackt werden. Darum geht es aber gar nicht. Es geht überdies gar nicht darum, ob Augstein am Ende wirklich Antisemit ist oder nicht. Schließlich geht es nicht darum, ob Henryk M. Broder sich in seinem Disput mit Augstein im Ton vergriffen hat. Die einzige Frage in dieser Auseinandersetzung kann nur sein, werden unter dem Deckmäntelchen der Israelkritik, antisemitische Stereotypen bedient?

Diese Diskussion ist allerdings bis heute ausgespart worden. Mich würde schon interessieren, wie die Mehrheit der Journalisten, die sich in den letzten Wochen zu Augstein-Verteidigern aufgeschwungen haben, Aussagen wie »Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.« oder »Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.« bewerten? Ist das wirklich nur harmlose Israelkritik?

Ich kenne diese Argumentationsmuster sehr gut. Immer und immer wieder, habe ich sie so oder ähnlich innerhalb von rechtsextremistischen Kreisen gehört. Natürlich nahmen auch diese Menschen nur für sich in Anspruch, Israel schließlich kritisieren zu dürfen. Die Mehrheit der Journalisten, war hier aber anderer Meinung. Unzählige Berichte der Verfassungsschutzämter attestieren solchen Äußerungen eine antisemitische Einstellung. Was ist also an den Augstein-Äußerungen anders? Sind sie in der Sprache etwas netter formuliert und daher akzeptabler? Im Kern ist die Schlagrichtung aber die gleiche. Israel ist der Weltbrandstifter. Ist das aber wirklich nur noch Kritik an Israel?

Die Lage für Israel ist im Moment düsterer als je zuvor. Die arabische Revolution hat manchen Diktator in die Wüste geschickt. An die Macht gekommen sind nun radikale Islamisten. Diese kreisen Israel ein. Irans Präsident Ahmadinedschad möchte Israel gar ganz von der Landkarte radieren. Der Rapper Bushido hat via Twitter allen schon einmal gezeigt, wie der Nahe Osten ohne Israel aussehen könnte. Verständlich, wenn die Juden angesichts dieser Ausgangslage mehr als nervös sind.

Ich glaube nicht, dass Jakob Augstein die Juden für eine minderwertige Rasse hält. Dazu ist Augstein bekennnend »im Zweifel links«. Vielleicht denken deshalb auch viele Journalisten, ihm solidarisch beispringen zu müssen.

Die Koordinaten in unserer Republik haben sich seit Jahren nach links verschoben. Der Antisemitismus aus dieser Richtung gärte offensichtlich lange unter der Decke. Nun tritt er hervor und wirkt bedrohlich. Er bedient oft die gleichen Stereotypen wie der völkische Antisemitismus. Während man diesem aber keinen Platz in den Leitmedien der Republik einräumen würde, ist der linke Antisemitismus genau dort angekommen. Die Frage, ob Augstein ein Antisemit ist oder nicht, ist unter diesem Aspekt zweitrangig.

Stefan Rochow twittert auf twitter.com/Stefan Rochow

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