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Flüchtlinge

Was die Integration von Flüchtlingen so schwierig macht – Ein Deutschlehrer packt aus.

Offene Baustellen und Scheindebatten

Kaum etwas ist derzeit emotional so aufgeladen wie das Thema „Flüchtlinge“. Dafür sorgen populistisch agierende Politiker und Parteien genauso wie manche Medien. Ausgerechnet das ARD-Magazin „Fakt“ war es, das vor gut vierzehn Tagen mitten in eine aufgeheizte Debatte Öl ins Feuer goss. Da wird an einem Einzelbeispiel ein von der Bundesagentur für Arbeit bewilligter Kurs für die These herangezogen, dass Flüchtlinge offenbar kein Interesse an Deutschkursen haben und den Veranstaltungen nach kürzester Zeit fernblieben. Trotzdem, so das ARD-Magazin, würden die Kurse weiter finanziert. Weiter gebe es keinerlei Qualitätskontrollen. Jede Fahrschule dürfe Deutschkurse anbieten. Ein Experte wird mit der Aussage eingeblendet, man ginge davon aus, jeder könne die Vermittlung der deutschen Sprache bewerkstelligen.

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Für Michael S. sind solche Beiträge nicht besser als die Agitation von Rechtspopulisten. Während wir den „Fakt“-Beitrag sehen, schüttelt der 52-jährige Germanist und Deutschlehrer den Kopf. Michael S. hat vor gut einem Jahr einen Deutschkurs in einer norddeutschen Stadt übernommen und sieht ganz andere Probleme in diesem Bereich. „Jedenfalls ist das Bild, das diese Skandaljournalisten hier vermitteln, sicher nicht repräsentativ für das, was die Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich leisten“, ärgert sich S. Er arbeitet bei einem von der Bundesagentur für Migration und Flüchtlinge (Bamf) finanzierten Kurs, und vermittelt ein gänzliches anderes Bild von dieser Arbeit. S. schlägt einen Ordner auf und präsentiert zahlreiche Unterlagen. „Ich muss jeden Tag akribisch Listen führen. Etwas, was ich als Lehrer an einer Schule niemals machen musste. Man geht offenbar davon aus, dass Flüchtlinge kein Interesse an den Kursen haben und meint deshalb, schärfste Kontrollen ausüben zu müssen“, so S. Er zeigt Kursteilnehmerlisten mit täglichen Unterschriften und den Vermerken, wann jemand länger als eine viertel Stunde dem Unterricht fernbleibt. Das Fernbleiben bedeute für die Kursteilnehmer Einbußen in der Grundsicherung, erklärt er. Im Gegensatz zu den gängigen Vorurteilen sieht er seine Teilnehmer als fleißig und zielstrebig an: „Weder ich noch meine Kollegen haben erlebt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht wollen. Das große Problem liegt vielmehr in der Isolierung der Menschen. Ohne Praxis aber kann man eine Sprache nicht lernen.“ Weiterlesen