„Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben“ (Teil 2)

Nach seiner Libanonreise – der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Interview / 2. Teil

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße besuchte als Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vorige Woche den Libanon. Der Erzbischof informierte sich vor Ort, wie die Aufnahme der Flüchtlinge organisiert ist und welche Herausforderungen und Schwierigkeiten es gibt. In einem Interview mit Stefan Rochow für ZENIT spricht er über seine Reiseeindrücke, Erlebnisse vor Ort und über die Herausforderungen für Christen in Deutschland im Zusammenhang mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge. Den ersten Teil des Gesprächs veröffentlichte ZENIT bereits am Freitag.

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Müssen wir uns aus Ihrer Sicht darauf einstellen, dass sich noch mehr Menschen aus dem Libanon auf den Weg nach Europa machen?

Erzbischof Heße: In der deutschen Botschaft in Beirut muss man zurzeit bis zu 15 Monate auf einen Termin warten, um einen Antrag auf Familiennachzug zu stellen. Diese Frist zeigt, dass viele Menschen einen solchen Antrag noch stellen wollen. Die Botschaft hat ihr Personal in den letzten Jahren und Monaten kontinuierlich erhöht und wird dies auch weiterhin tun. Wer noch keinen Familienangehörigen in Deutschland hat, der denkt – so mein Eindruck – eher über eine Rückkehr nach Syrien als eine Ausreise nach Europa nach. Vielen ist mittlerweile bewusst, dass das Ankommen mit Schwierigkeiten wie sozialer Isolation und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht der Umstand, dass die meisten geflüchteten Menschen aus muslimisch geprägten Ländern nach Europa kommen, für uns?

Erzbischof Heße: Die religiöse Zugehörigkeit bedeutet für die Menschen im Nahen Osten sehr viel. Sie ist Teil ihrer Identität, den sie bisweilen auch selbstbewusst betonen. In unserer Gesellschaft, die zunehmend weniger Erfahrung damit hat, dass Religion beziehungsweise Religiosität auch öffentlichen Raum beansprucht, kann dies auch Ängste auslösen. Die Muslime, die in ihren Heimatländern gewohnt sind, einer gesellschaftlichen Mehrheit anzugehören, bringen hier sicher besonders viel Selbstvertrauen mit.

Sehen Sie darin ein Problem für die Integration?

Erzbischof Heße: Eine Herausforderung sehe ich hier auf jeden Fall. In unserer Gesellschaft ist der einzelne auf vielfache Weise mit dem Staat und seinen Institutionen verbunden, es gibt viele Berührungspunkte. Im Nahen Osten versucht man, dies zu minimieren, sicher auch aus schlechten Erfahrungen mit diktatorischen Regimen. Man regelt seine Angelegenheiten durch die Familie, den Clan und eben auch die Religionsgemeinschaft. Diese Menschen müssen zunächst einmal Vertrauen in unseren Staat und seine Institutionen entwickeln, indem sie den gesetzlichen Rahmen kennen und achten lernen. Wir als aufnehmende Gesellschaft sind herausgefordert, von den Flüchtlingen keine vollständige Anpassung an unseren „way of life“ zu erwarten und ihre Eigenarten, soweit sie nicht gegen die Rechtslage verstoßen, auch als Bereicherung anzuerkennen.

Welche Probleme stehen allgemein im Zusammenhang mit der Integration der geflüchteten Menschen?

Erzbischof Heße: Integration steht immer im Spannungsfeld zwischen Assimilation und Abkapselung. Beides wäre ein Irrweg. Es dürfen bei uns keine muslimischen oder orientalischen Ghettos entstehen, gleichzeitig müssen die Flüchtlinge aber auch nicht in allem so werden wie wir. Wertschätzung von Diversität sowie interreligiöse und interkulturelle Kompetenz sollten neben dem Spracherwerb und der Vermittlung des gesetzlichen Rahmens ein wichtiges Element unserer Integrationskonzepte sein. Aber auch wir als Gesellschaft sollten Räume der Begegnung schaffen, damit Vorurteile ab- und Beziehungen aufgebaut werden können, ohne Assimilationsdruck auf die Flüchtlinge auszuüben.

Haben wir Christen aus Ihrer Sicht unser Potential zu helfen vollkommen ausgeschöpft oder sehen Sie noch Reserven für die Hilfsbereitschaft?

Erzbischof Heße: Die Pfarrgemeinden, Bistümer, Verbände, Orden und Hilfsorganisationen leisten bereits eine Menge. Es gibt – Gott sei Dank – sehr viele ehrenamtlich engagierte Christen, die ihr Möglichstes tun und diese Erfahrungen als Bereicherung erleben. Durch ihr Beispiel können auch diejenigen motiviert werden, die bisher Vorbehalte und Ängste haben. Wir sollten prüfen, ob und wie wir unsere Mitchristen hier stärker als bisher ermutigen können, sich für solche Erfahrungen zu öffnen.

Welche Botschaft haben Sie an die Menschen in unserem Land, gerade unter dem Eindruck Ihrer Reise in den Libanon?

Erzbischof Heße: Wir sollten keine Angst vor den Menschen haben, die mit ihrer Kultur, ihrer Religiosität und ihren sonstigen Eigenarten zu uns kommen. Gerade wir als Christen können vielleicht sogar eine ganz besondere Rolle bei der Integration spielen. Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben, und das nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum. Das wird den Menschen aus dem Nahen Osten, auch den Muslimen, helfen zu erkennen, dass sie mit ihrem Glauben nicht so anders sind als wir.

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