Kinder des Salafismus

Foto: tokamuwi  / pixelio.de

 

Immer mehr Kinder im Grundschulalter fallen mit islamistischen Tendenzen auf. 

Beratungsstellen in Deutschland bemühen sich um Deradikalisierung. Stand früher vor allem Rechtsextremismus im Fokus, wird es immer stärker der radikale Islamismus. Dass es sich hier nicht um billigen Alarmismus handelt, zeigen die islamistisch-motivierten Anschläge in den letzten Jahren.

Als Bundesinnenminister Thomas de Maiziére Anfang Juli zusammen mit Verfassungschutzpräsident Hans-Georg Maaßen den Bundesverfassungsschutzbericht vorstellte, wies Maaßen darauf hin, dass im Moment die größte Gefahr von islamistischen Terroristen ausgehen würde. „Wir müssen davon ausgehen, dass mit weiteren Anschlägen durch Einzeltäter oder durch Terrorkommandos auch in Deutschland gerechnet werden muss“, so Maaßen. Deutschland ist als Teil des Westens zu einem klaren Feindbild für islamistische Terrorgruppen geworden. De Maiziere warnte auf der Pressekonferenz davor, dass innerhalb des Islamismus eine „Kräfteverschiebung“ zu beobachten sei, hin zu einer gewaltorientierteren Richtung. Insgesamt gibt es so viele islamistische Gefährder wie nie zuvor, nämlich 680.

Die Zahl der Salafisten in Deutschland stieg im Vergleich zu 2015 von 8 350 auf aktuell 10 100 Anhänger an. Mit diesen Entwicklungen steht Deutschland im europäischen Vergleich nicht alleine. Der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, schätzt die Anzahl identifizierter radikaler Moslems europaweit auf 50 000 ein.

Alarmierend daher auch die Meldung der deutschen Nachrichten-Agentur: Bei der Radikalisierungs-Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge melden sich vermehrt Lehrer und Schulpsychologen, denen Grundschulkinder mit islamistischen Tendenzen auffallen. Für viele Experten ist das eine neue Entwicklung. Florian Endres von der Beratungsstelle Radikalisierung in Nürnberg sagt, dass diese „Kinder des Salafismus“ ein Phänomen seien, dass in den letzten Monaten häufiger aufgetaucht sei. „Die meisten Kinder haben ihre Sozialisierung aus einem salafistischen Umfeld – sprich: Die Eltern selbst sind bisher radikalisiert“, so Endres. Auch wenn es sich noch um Einzelfälle handele, müsse man diese Entwicklung genau beobachten.

Dass es solche Tendenzen gibt, das bestätigt auch Thomas Mücke, Geschäftsführer des Vereins Violence Prevention Network gegenüber unserer Redaktion. Mückes Verein ist im Bereich Extremismusprävention sowie Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig. Bundesweit betreibt die Organisation Beratungsstellen für rechtsextrem und islamistisch motivierte Gewalttäter und deren Angehörige sowie Präventionsarbeit an Schulen. Gerade bei Kindern aus radikalisierten Elternhäusern sei es schwierig, an diese ranzukommen. „Von den Eltern bekommen wir hier dann natürlich keine Hinweise“, so Mücke. Daher seien Beratungsstellen hier auf Hinweise aus Kindertagesstätten oder Schulen angewiesen. Eine Erhöhung der Meldungen habe es laut Thomas Mücke in letzter Zeit allerdings nicht gegeben. „Das Thema ist grundsätzlich relevant, aber bei uns in der Praxis noch nicht angekommen.“

Wenn man den Kindern aus radikalisierten Elternhäusern helfen möchte, dann muss die Beratung bei den Eltern selber ansetzen. „Das ist ein schwieriges Unterfangen“, gibt Florian Endres zu.

Der bekannteste Fall einer Radikalisierung junger Menschen ist der Fall Safia S. aus Hannover. Das 15-jährige Mädchen attackierte im Februar letzten Jahres einen Bundespolizisten auf dem Hauptbahnhof in Hannover mit einem Messer und verletzte ihn schwer. Zuvor wollte der Polizist das Mädchen kontrollieren. Den Sicherheitsbehörden war Safia S. keine Unbekannte. Jahre zuvor war sie aktiv in der salafistischen Szene gewesen. Diese radikale Ausrichtung des Islams wird immer mehr zu einer Jugendsubkultur.

Jugendliche stehen daher im Fokus der islamistischen Verführer; bei Schülern auf Sinnsuche greifen ihre simplen Botschaften und die Unterteilung in Gut und Böse bestens. Schulen sind daher verstärkt das Ziel salafistischer Propaganda. Lehrer sind mit diesem Problem aber oft überfordert. Daher haben gerade erst der Soziologe Rauf Ceylan und der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück das Handbuch „Radikalisierungsprävention in der Praxis“ veröffentlicht, in dem sie Tipps geben, was Lehrer machen können, wenn Schüler sich islamistisch radikalisieren. Das Thema Radikalisierung wird erst in den letzten vier Jahren in der Gesellschaft intensiv bearbeitet, so die Wissenschaftler. Die Schule sei der zentrale Präventionsplatz. Die Lehrkräfte seien aber bundesweit noch nicht ausreichend geschult. Für die Früherkennung von radikalisierten Kindern und Jugendlichen ist das vermutlich das größte Problem. „Das Thema muss Teil der Lehrerausbildung und –fortbildung werden“, fordert der Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Außerdem müsse die Schulsozialarbeit besser aufgestellt werden. „Die Politik habe das Thema aber noch nicht ausreichend genug erkannt“, glaubt Kiefer.

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