Sein „Makel“: Er ist Jude!

Die Rassismus-Debatte darf sich nicht auf den Rassismus gegen Zugewanderte beschränken, sie muss auch den Rassismus von Zugewanderten in den Blick nehmen. 

In Berlin gibt es einen Werbesong der Verkehrsbetriebe. Ein singender Kontrolleur toleriert die unterschiedlichsten Berliner Gestalten – solange sie nur nicht schwarz fahren. Der Song des Kontrolleurs, der in Berlin eine Art Hymne geworden ist, heißt bezeichnenderweise „Is mir egal!“. Diese Lebenseinstellung dürfte auch über Berlin hinaus Bedeutung haben und von vielen Zeitgenossen geteilt werden. Mit dieser muss aber Schluss sein.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das American Jewish Committee eine Dokumentation zum Thema Antisemitismus an Berliner Schulen. Auch wenn es sich dabei um keine wissenschaftliche Studie handelt, lässt das Ergebnis aufhorchen: Antisemitische und islamistische Einstellungen in Schulen gewinnen an Einfluss. Unterricht zum Thema Nahost sei inzwischen „nahezu unmöglich“. Erst im April war bekannt geworden, dass ein jüdischer Junge von türkischen und arabischen Kindern aus seiner Berliner Schule weggemobbt wurde. An einer Gemeinschaftsschule im Bezirk Friedenau wurde er beschimpft, bedroht, bespuckt, gequält, getreten und mit dem Tode bedroht. Sein einziger Makel aus Sicht der Peiniger: Er ist Jude! Die Aufregung über den Vorfall legte sich schnell und mancher Verantwortliche tröstete sich mit der Illusion, dass die Friedenauer Vorkommnisse nur ein Einzelfall seien. Hauptberufliche Antirassisten, die sonst keine Möglichkeit der Positionierung auslassen, schließen weiter die Augen vor dem Rassismus der Zugewanderten. Viele Schulen heften sich voller Stolz die Plakette „Schule mit Courage, Schule ohne Rassismus“ an und schauen dabei nur auf den Rassismus gegen Zugewanderte. Der Rassismus von Zugewanderten gerät dabei völlig aus dem Blick und findet manchmal auf dem eigenen Schulhof statt. Für Bernd Wagner, Geschäftsführer von Hayat-Deutschland, einer Beratungsstelle zur Deradikalisierung junger Islamisten mit Sitz in Berlin und Bonn, ist die Verunsicherung im Umgang mit Islamismus nicht verwunderlich. Seit 2001 beschäftigt er sich mit dem religiösen-extremistischen Feld im Islam. Auf junge Menschen, so Wagner, übe die „islamistische Ideologie angesichts der vielen kleinen und großen Weltprobleme und ihren Angeboten schneller und radikaler Problemlösungen nach den Regeln einer militanten Islaminterpretation eine visionäre Anziehungskraft aus“. In den letzten Jahren habe sich nach Ansicht des Experten ein weitläufiges subkulturelles Feld herausgebildet, dass von islamistischen Denk- und Gefühlselementen gespickt ist. Schulen seien deshalb schon lange ein Rekrutierungsfeld, um Anhänger für die radikale Variante des Islams zu gewinnen. Dafür gab nach seiner Einschätzung schon lange Zeichen, die „durch die Gesellschaft, Eltern, Schule nicht erkannt oder missdeutet wurden“.

Geht es um islamischen Extremismus, dann wird oft nur in sicherheitspolitischen Kategorien gedacht. Die Radikalisierung setzt allerdings viel früher an und hat sich erfahrungsgemäß schon dann stark verfestigt, wenn es ein Fall für Justiz und Polizei wird. Daher muss die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit viel früher reagieren und um die sich radikalisierenden Menschen ringen. Nach dem Bekanntwerden der Dokumentation scheint man aber das alles wieder auf die Schule abwälzen zu wollen. So wichtig es ist, Lehrern Unterstützung und Strategien im Umgang mit den Phänomenen an die Hand zu geben, so wenig ist hinnehmbar, dass Schule offenbar der Blitzableiter für gesellschaftliche Fehlentwicklungen werden soll und politisch Verantwortliche so simulieren können, dass sie ja handeln.

In der politischen Wirklichkeit sieht es oft trostloser aus. Da kämpfen Präventionsprojekte um eine ausreichende Finanzierung und geraten an die Grenze des personell Machbaren. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert fast nur die Sicherheitsdebatte. Westliche Gesellschaften geraten immer mehr in einen Zustand der Verängstigung und Verunsicherung. Grundlegende Menschen- und Bürgerrechte werden zur Disposition gestellt. Statt diesen Prozess zu entschärfen und zu moderieren, wirken Politik und Medien mitunter als Beschleuniger. Zu dem Zeitpunkt, an dem sich Jugendliche über das Internet für den Dschihad rekrutieren lassen, helfen weder Polizei noch Gefängnis. Die Verhinderung von Gewalt beginnt mit einem wirksamen Konzept der Prävention. Antisemitismus und radikalisierter Islam an Schulen muss als das verstanden werden, was es ist – ein ernstzunehmendes Problem.

Es geht dabei nicht nur um die Juden, sondern an dieser Stelle wird die Axt an die Grundwerte unserer Demokratie gelegt. Gelingt uns die Auseinandersetzung mit dem Islam nicht, dann erleben wir die Verselbstständigung von religiös-politischen Bewegungen, die auch vor Gewalt bei der Austragung von Konflikten nicht zurückschrecken. Unser Leben in der Freiheit würde das grundlegend verändern. Für Bernd Wagner hat die Entwicklung des Rechtsradikalismus seit der Deutschen Einheit „ein in weiten Teilen fatales Beispiel“ dafür geliefert, wie sich Prozesse radikalisieren können. „Noch ist Zeit, einen strategischen Sprung zu wagen, das wäre der Mut und die Kraft der Politik. Es muss sich erweisen, dass sie dazu wirklich fähig ist und nicht im Sumpf der Haushaltbürokratie und Medialkampagnen versinkt.“, so seine Einschätzung. Daher: „Is mir egal!“ ist völlig fehl am Platz.

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