Wie ticken Extremisten?

 

Studie stellt Ähnlichkeiten zwischen Islamisten und Rechtsextremisten fest – Ein Interview mit dem Experten Maik Fielitz. 

Zahllose Posts von Rechtsextremisten und Islamisten sind in den sozialen Netzwerken im Internet zu finden. Sie haben diese nun wissenschaftlich analysiert. Wo gibt es ideologische Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gruppen?

Die zentralen Gemeinsamkeiten lassen sich in drei Muster zusammenfassen: Beide Gruppen sind auf die Abwertung und Dämonisierung einer Fremdgruppe angewiesen, um eine eigene Gruppenidentität aufzubauen. Gleichzeitig behaupten sie, die eigenen Referenzmilieus – also entweder „die Nation“ oder „die Muslime“ – werden massiv angegriffen, benachteiligt und diskriminiert. Dagegen müsse sich zur Wehr gesetzt werden. Drittens sind die Weltbilder beider Seiten von Verschwörungen gespickt, wonach die Politik gesteuert sei und die Menschen verblendet werden.

Das ist mit einem absoluten Wahrheitsanspruch verbunden, der auf totalitäre Ideologien hindeutet. Alle drei Punkte lassen sich darauf zurückführen, dass für beide Lager ein unausweichlicher Konflikt zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“ heraufbeschworen wird, der Phantasien von Bürgerkriegen nährt.

Brauchen Rechtsextremisten die Islamisten zur Mobilisierung und umgekehrt?

Absolut. Sie brauchen es, um breitere Gesellschaftsschichten anzusprechen, um ihre Ideen in die Mitte der Gesellschaft eindringen zu lassen. Dazu wird bewusst oder unbewusst die Gegenseite mit spiegelverkehrten Vorsätzen dargestellt. Islamistische Anschläge bestätigen rechtsextreme Deutungen, wonach der Islam eine Hassideologie ist. Fremdenfeindliche oder antimuslimische Hassverbrechen nutzen Islamisten, da sie verdeutlichen, dass Muslime in Gefahr sind. Die jeweilige Gewalt bestätigt die apokalyptischen Weltbilder, die beide Gruppen malen.

Beim Antisemitismus gibt es auch Überschneidungen. Wo liegen diese?

Sie sind in erster Linie an ihrer Feindschaft zum Staat Israel und in den verschwörungstheoretischen Elementen zu finden. Sie benötigen den Antisemitismus, um einfache Erklärungen für gesellschaftliche Phänomene darzustellen, weil ihre Ideologien nicht komplex genug sind, diese zu erfassen. Wobei man dazu sagen muss, dass sich jüngst die Schwerpunktsetzung im Rechtsextremismus vom Antisemitismus zur Muslimfeindlichkeit gewandelt hat. Allerdings wird wiederholt die Vorstellung geäußert, dass eine jüdische Weltverschwörung dafür verantwortlich ist, dass Muslime und Migranten angeblich die ethnischen und kulturellen Merkmale europäischer Nationen zerstören würden.

Muss nicht zwischen der Diskriminierung einer Religion und einer biologistischen Zuschreibung einer Rasse unterschieden werden?

Natürlich. Es geht hier nicht darum, beide Phänomene gleichzusetzen. Es macht einen großen Unterschied, ob man als Rechtsextremer exklusiv über die biologische, kulturelle oder nationale Herkunft über die Zugehörigkeit zur Gruppe entscheidet oder ob prinzipiell allen Menschen über das Konvertieren der Weg in ein globales Kalifat offensteht. Herkunft hat somit eine sehr unterschiedliche Bedeutung für beide Seiten. Allerdings muss der Islamismus auch viel mehr als ein politisches Problem verstanden werden und eine fehlerhafte Interpretation des Islam als eine Legitimationsgrundlage eines politischen Projekts. Hier kommt es darauf an, deutlich zwischen Islam als Religion und Islamismus als politische Ideologie zu unterscheiden.

Sie sagen Islamismus und Rechtsextremismus seien keine Gegenpole, sondern die gleiche Seite einer Medaille. Woran machen Sie das fest?

Sie sind Gegenpole in ihrer Mobilisierung, allerdings treffen sie sich auf dem gleichen Nenner: Der Demokratiefeindschaft und der Untergrabung einer offenen und toleranten Gesellschaft. Diese Medaille untersuchen wir in der Studie. Trotz der Unterschiedlichkeit finden wir zudem eine Reihe von ideologischen, strategischen und ästhetischen Gemeinsamkeiten, die auch immer wieder zu Zusammenarbeiten in der Vergangenheit geführt haben. Es ist auch kein Zufall, dass es eine Reihe von Beispielen gibt, in denen Neonazis zum Islam übergetreten sind und sich in den Dienst des Dschihad stellten.

Was bedeutet die Studie für die Anti-Extremismus-Prävention?

Was die Studie zeigt, ist, dass die eine Seite schwer ohne die andere gedacht werden kann. Das muss stärker in die Prävention einfließen. Es muss ein Verständnis der Gegenseite geschaffen werden, um Narrative aufzubrechen und die Widersprüchlichkeit beider anti-demokratischer Kräfte zu zeigen. Will man die Spirale der wechselseitigen Radikalisierung durchbrechen, müssen beide Kräfte gegeneinander ausgespielt werden.

Was müsste auf politischer Ebene passieren?

Es sollte stark überlegt werden, wem man mit antimuslimischer und flüchtlingsfeindlicher Rhetorik in der Politik in die Hände spielt. Beide Lager werden bestätigt, und es gibt für beide Anhaltspunkte, dass die eigenen Ideen wirken. Gerade bei terroristischen Angriffen und erhitzten Debatten gilt, nicht das Spiel der Gruppen zu spielen, das sich aus Pauschalierungen und Abwertungen nährt. Es geht um bessere Angebote als um ständige Reaktion.

 

 

Hintergrund

Maik Fielitz studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Friedens- und Konfliktforschung in Jena, Marburg und Athen. Er promoviert an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zum Aufstieg des Neonazismus in Griechenland.

Seit September 2017 ist er Wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, das in Jena seinen Sitz hat.

Fielitz arbeitet am Institut unter anderem im Projekt „Interaktionsdynamiken islamistisch und rassistisch begründeter Demokratie- und Menschenfeindlichkeit“ mit.

 

Dieser Artikel ist erstmals am 26.07. 2018 in der TAGESPOST erschienen.

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